Obsidian Vault „Private Dokumentation und Archiv“ von Torben M. – Interne Mitteilung Nr. 12/154
Betreff: Beobachtung einer emotionalen Abweichung im Zusammenhang mit Julia M.
I. Ausgangslage
Am Freitag, dem 12. Juni, um 13:47 Uhr, habe ich während der regulären Mittagspause in der Universitätskantine eine Abweichung von meinem üblichen inneren Betriebszustand festgestellt.
Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt an Tisch 4, Abschnitt B, mit Blickrichtung Salatbar, und führte den Tagesmenüpunkt „Vegane Lasagne“ einer sachlichen Prüfung zu. Die Konsistenz war erwartungsgemäß unentschlossen, der Geschmack lag innerhalb der betrieblichen Toleranzgrenze.
Um 13:47 Uhr betrat Julia M. den Raum.
Unmittelbar danach kam es zu einer nicht vorgesehenen Veränderung mehrerer physiologischer und mentaler Parameter. Die Herzfrequenz erhöhte sich um geschätzte 12 Prozent. Die Konzentration auf die Lasagne brach ein. Der Blick verlagerte sich ohne dringliche Notwendigkeit in Richtung Eingang.
Zunächst nahm ich einen Messfehler an.
Nach erneuter Selbstprüfung konnte diese Annahme jedoch nicht aufrechterhalten werden, da die Störung bei jedem weiteren Blickkontakt reproduzierbar war und auch dann anhielt, als Julia M. lediglich ein Tablett nahm, was objektiv betrachtet kein außergewöhnlicher Vorgang ist.
II. Erste Analyse
Die Ursache der Reaktion ließ sich nicht vollständig rationalisieren.
Folgende Hypothesen wurden geprüft:
- Optische Stimulanz
Julia M. wies eine visuelle Präsenz auf, die auch unter Kantinenbeleuchtung, 4.000 Kelvin, neutralweiß, nicht ausreichend entzaubert werden konnte. - Akustische Komponente
Beim kurzen Austausch mit Frau S. aus der Buchhaltung wurde ein Stimmklang registriert, der eine unübliche Aufmerksamkeit erzeugte, obwohl der Inhalt des Gesprächs lediglich die Verfügbarkeit von Apfelschorle betraf. - Soziale Projektion
Es besteht die Möglichkeit eines unbewussten Wunsches nach biochemischer Synchronisation, wie er im HR-Workshop „Teamdynamik 2.0“ nur unzureichend behandelt wurde. - Fehlfunktion des eigenen Systems
Diese Hypothese wurde zunächst bevorzugt, da sie mir deutlich plausibler erschien als die Annahme, dass eine andere Person durch bloßes Betreten eines Raumes mehrere interne Prozesse außer Kontrolle bringen kann.
III. Weiterführende Beobachtung
Zur Überprüfung der Hypothesen wurde eine informelle Versuchsanordnung eingerichtet.
Beobachtungszeitraum: 6 Wochen, jeweils Montag bis Freitag
Beobachtungsfenster: 08:00 bis 15:30 Uhr
Beobachtungsorte: Universität – Kantine, Bibliothek, Flur vor Drucker 2
Dateiname der Auswertung: feelings_v3_final_NEU.xlsx
Die Datenerhebung erfolgte durch kurze Sichtkontakte von maximal drei Sekunden, um soziale Auffälligkeiten zu vermeiden. In zwei Fällen wurde die Grenze überschritten, da Julia M. lächelte und das interne Zeitgefühl daraufhin für mehrere Sekunden keine verlässlichen Werte mehr lieferte.
Als Vergleichsgruppe dienten drei andere Mitarbeiterinnen ohne bekannte Wirkung auf mein zentrales Nervensystem.
Das Ergebnis war eindeutig:
Bei Julia M. trat eine wiederholbare emotionale Abweichung auf.
Bei allen anderen Testpersonen blieb das System weitgehend stabil.
Bei der veganen Lasagne trat hingegen eine leichte existenzielle Müdigkeit ein, die jedoch nicht als romantisch klassifiziert werden kann.
IV. Zwischenbefund
Nach sorgfältiger Auswertung muss festgestellt werden, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Form emotionaler Zuneigung handelt.
Arbeitsbezeichnung: Liebe v1.0, Beta
Status: instabil, aber reproduzierbar
Risiko: soziale Interaktion erforderlich
Empfohlene Gegenmaßnahme: keine bekannt
Besonders besorgniserregend ist, dass die Reaktion nicht durch rationale Gegenargumente abgeschwächt werden konnte. Hinweise auf mögliche Komplikationen wie Smalltalk, Missverständnisse, spontane Verabredungen oder die unkontrollierte Verwendung von Emojis führten zu keiner vollständigen Rückbildung der Symptome.
Auch der Versuch, die Situation durch längeres Nachdenken zu entschärfen, verschlechterte den Zustand. Es entstanden stattdessen mehrere hypothetische Dialoge, von denen keiner in der Realität stattgefunden hat, was für die Produktivität des Nachmittags als ungünstig zu bewerten ist.
V. Schlussfolgerung
Die Annahme, dass es sich lediglich um eine vorübergehende Kantinenreaktion aufgrund von Lebensmittelunverträglichkeit handelt, kann nicht länger aufrechterhalten werden.
Es liegt vermutlich Liebe vor.
Diese Feststellung erfolgt ausdrücklich unter Vorbehalt, da das zugrunde liegende System bisher nicht ausreichend dokumentiert ist und frühere Versionen ähnliche Prozesse nur aus Filmen, Romanen und fremden Erzählungen kannten.
Dennoch spricht die Wiederholbarkeit der Reaktion für ein stabiles Muster.
Nach ausreichender Analyse wird in der Regel empfohlen, in einem nächsten Schritt eine kontrollierte Kontaktaufnahme vorzubereiten. Diese sollte freundlich, verständlich und möglichst frei von Tabellenkalkulationen erfolgen.
VI. Vorläufige Handlungsempfehlung
Für die nächste Phase wird die Erstellung eines schriftlichen Dokuments empfohlen, in dem das emotionale Interesse formal, aber nicht vollständig abschreckend, kommuniziert wird.
Dabei sind folgende Punkte zu beachten:
- keine Erwähnung der Excel-Datei im ersten Absatz
- keine Diagramme ohne ausdrückliche Nachfrage
- keine Nutzung des Begriffs „Versuchsperson“
- keine automatische Kalender-Einladung vor positiver Rückmeldung
- maximal eine romantische Metapher aus dem Bereich Netzwerktechnik
Der Vorgang bleibt bis auf Weiteres offen.
Merksatz:
„Liebe ist, wenn man die Variablen nicht mehr isolieren kann.“


Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.