Rentner Horst Müller (72) eröffnet erste Paketfiliale im eigenen Wohnzimmer
DHL hat am Dienstag in einem Hochhaus im achten Stock eines bislang logistisch unauffälligen Stadtteils das bundesweit erste private Wohnzimmer-Paketzentrum eröffnet. Betreiber ist der 72-jährige Rentner Horst Müller, der damit offiziell das fortführt, was er nach eigenen Angaben „seit Jahren sowieso schon gemacht“ habe.
„Die Paketboten haben doch immer bei mir geklingelt“, erklärt Müller sachlich, während er auf einem braun gemusterten Sofa Platz nimmt, das bereits in den 1980er-Jahren als belastbar galt. „Da hab ich gesagt: Wenn ich den ganzen Tag hier sitze, kann ich es auch ordentlich machen.“
Ordentlich bedeutet im Fall Müller: Stahlregale aus dem Baumarkt, bis unter die Decke gefüllt mit Sendungen sämtlicher Größenklassen. Jedes Paket trägt einen handschriftlichen Vermerk. Jede Lieferung ist in einem Ringordner erfasst. Die Kategorien reichen von „Nachbar links“ über „Gabi, 3. Stock“ bis zu „Unbekannt, Nachname beginnt mit K“.
Technik lehnt Müller ab. „Computer machen zu viele Fehler – und auf den kleinen Smartphone Displays kann ich nichts erkennen.“, sagt er und deutet auf einen Stapel kariertes Papier. „Papier vergisst nichts.“
Seine einzigen elektronischen Geräte bleiben ein Küchenradio und der alte Röhren-Fernseher. Die Fernbedienung gilt als das modernste Instrument im Raum.
Berufliche Qualifikation aus Kleinkleckershausen
Müller war 34 Jahre im Lagerzentrum eines regionalen Baustoffhandels in Kleinkleckershausen beschäftigt – ein Unternehmen, das nach eigenen Angaben „im erweiterten Umland“ bekannt war. Dort entwickelte er ein internes System, das vollständig ohne Scanner, QR-Codes oder Cloud-Anbindung funktionierte.
„Wir hatten Augen und Listen“, erinnert er sich. „Und wer seine Liste nicht geführt hat, wusste am Ende nicht mehr, wo der Zementsack war.“
Dieses Prinzip überträgt er nun auf die urbane Paketlogistik. Jede Sendung erhält eine Lagernummer. Die Regale sind in Fächer eingeteilt. Ein handschriftlicher Lageplan liegt auf dem Wohnzimmertisch neben Fernsehzeitung und Topfpflanze.
„Tatsächlich findet Rentner Müller die Sendungen oft schneller, als in einem gewöhnlichen DHL-Shop“, bestätigt ein Nachbar. Müller kennt sich in seinen Regalgängen aus.
Offizielle Einweihung mit strategischer Perspektive
Ein Sprecher von DHL würdigte das Projekt als „konsequenten Schritt in Richtung dezentraler Bürgerlogistik“. Man habe erkannt, dass insbesondere Rentner im Hochhaus „bereits heute eine tragende Rolle im inoffiziellen Verteilwesen“ einnähmen.
„Herr Müller professionalisiert lediglich eine bestehende Struktur“, erklärte der Sprecher. Sollte das Modell erfolgreich sein, prüfe man eine bundesweite Ausweitung auf geeignete Wohnzimmer mit ausreichender Regalhöhe.
„Für uns bedeutet das weitere Kostensenkungen durch Verlagerung der bisherigen DHL-Shops aus Kiosken, Bäckereien oder Spätis in Privatwohnungen. Hier besteht ein enormes Potential.“, so der Sprecher.
Nachbarschaft reagiert pragmatisch
Im Umkreis von etwa 800 Metern gilt Müllers Wohnung bereits als neue Anlaufstelle. Die Bewohner schätzen insbesondere die Öffnungszeiten, die sich an Fernsehprogrammen orientieren.
„Wenn die Nachrichten laufen, ist gerade schlecht“, heißt es aus dem dritten Stock. „Aber sonst klappt das erstaunlich gut.“
Müller selbst zeigt sich zufrieden. „Ich habe jetzt mehr Besuch als beim Skatabend“, stellt er nüchtern fest.
Auf die Frage, ob ihn das erhöhte Paketaufkommen belaste, blickt er kurz zu den Regalen.
„Solange noch Platz zwischen den Büchern ist, geht es.“
DHL prüft derzeit, ob für künftige Wohnraum-Filialen einheitliche Richtlinien für Sofabezüge und Rollatorstellplätze definiert werden müssen.


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